WIEN.13 – 6. Staffel

13. Juni 2017 – 13. Juni 2018

#60: AUF EIN NEUES

Sechs Jahre und 60 Projektfotos liegen hinter mir und noch immer habe ich Herzklopfen, wenn ich mich auf den Weg zum Gipfel meines Hausberges aufmache. Noch immer freue ich mich auf den Moment des Auslösens um Punkt 13 Uhr, eingeläutet von der Ober-St.-Veiter Kirche. Was erwartet mich heute? Werde ich alleine sein? Gibt es vielleicht eine weitere, interessante Begegnung mit dem Unbekannten? Meine Erwartungen halten sich jedoch in Grenzen. Schon zu Beginn meiner Langzeitstudie habe ich mein fotografisches Credo verinnerlicht: „Sei stets bereit für das Unerwartete“ und „mach sichtbar, was vielleicht ohne dich nie wahrgenommen worden wäre.“ Das Besondere im Alltäglichen, im Allgemeinsten zu erkennen – Motivation genug, um noch ein weiteres Projektjahr anzuhängen. Vielleicht gelingen mir ja diesmal alle 13 Bilder am Stück. Das Erste ist einmal im Kasten.

BILD 60 – 13. Juni 2017, 13 Uhr

#61: SOMMERGEDANKEN

Wer Sommer sagt, meint Leben und Licht – ein allumfassendes Ja zu Leichtigkeit und Freiheit. Es war der Existenzialist und Philosoph Albert Camus, der in seinem Tagebuch 1951-1959 notierte: Antwort auf die Frage nach meinen zehn bevorzugten Wörtern: die Welt, der Schmerz, die Erde, die Mutter, die Menschen, die Wüste, die Ehre, das Elend, der Sommer, das Meer. Im Drama Der Belagerungszustand schrieb er: In Wahrheit ist alles in Ordnung, die Welt im Gleichgewicht! Wir stehen im Zenit des Jahres, die Zeit ist hoch und reglos! Glück! Glück! Der Sommer ist da! Was kümmert uns der Rest? Ja. Wo Sommer ist, ist vieles möglich, sogar das Unmögliche.

BILD 61 – 13. Juli 2017, 13 Uhr

#62: IM REICH DER STILLE

Es ist gut, nicht immer etwas tun zu müssen und permanent für alle sichtbar zu sein. Manchmal liegt die Kraft in der Stille, wenn man ganz bei sich ist und die eigenen Gedanken sortieren kann. Wie hier oben, am Roten Berg. Es ist Sonntag, kein Mensch ist zu sehen. Ich schaue in die Weite und lasse meinen Gedanken freien Lauf. Die Stille bringt den Raum, sich zu erden, den Draht zu sich zu finden und Kraft zu tanken. Ich nehme mir die Zeit, um meine Gedanken neu zu ordnen, geistig neue Pläne zu schmieden und Wünsche zu formulieren. Es ist jedoch auch die Zeit um den Augenblick zu genießen, dankbar dafür zu sein, was man hat und zu begreifen, wie reich das eigene Leben bereits in diesem Moment ist.

BILD 62 – 13. August 2017, 13 Uhr

#63: DER TRAUM VOM SÜDEN

Heute ist ein guter Tag. Heute habe ich frei. Mehr Zeit für mein Genussprojekt und mich. Und weil es sich so gut anfühlt, lasse ich meinen Gedanken freien Lauf. Stelle mir vor, wie schön es wäre, wenn sich der Sommer noch einige Wochen verlängern ließe. Träume vom Süden, vom fernen Meer. Ein herber Duft wild wachsender Kräuter breitet sich aus. Das Rauschen der Wellen dringt leise an meine Ohren, es erfordert Aufmerksamkeit sich darauf zu konzentrieren. Im Geiste atme ich die feuchte, salzige Luft ein. Mit jedem Atemzug verschmelze ich ein wenig mehr mit meinem Traum. Um mich herum ist niemand, nur zwei Möwen sitzen in Ruhe ganz nah bei mir. Plötzlich ein lautes Geräusch. Schnell bin ich wieder im Hier und Jetzt. Der Lärm eines Flugzeuges hat mich von meiner imaginierten Reise auf den Boden des Roten Berges zurückgebracht. Wohin es wohl fliegt. Und was macht die junge Frau auf der Bank? Träumt auch sie vom ewigen Sommer?

BILD 63 – 13. September 2017, 13 Uhr

MISSING

KEIN BILD  – 13. Oktober 2017, 13 Uhr

#64: IN ZEITEN DER VERÄNDERUNG

Zwei Monate sind seit meinem letzten Besuch am Roten Berg ins Land gezogen. In unserer schnelllebigen Zeit eine kaum wahrnehmbare Zeitspanne, dennoch hat sich in diesen zwei Monaten vieles verändert. Unser Alltag spielt in einer bunten, lauten, blinkenden Welt, in der von allen Seiten Eindrücke auf uns niederprasseln: Bilder, Nachrichten, Musik, E-Mails, Werbung. Alles muss schnell gehen: Politik, Arbeit, Leben. Und dennoch: Wir leben in ganz außergewöhnlichen Zeiten, in denen mehr möglich ist als je zuvor. Fast alles, worauf man sich gestern verlassen konnte, scheint heute kopfzustehen oder fällt zusammen. Aber wir haben die Möglichkeit, jeder für sich und alle gemeinsam, das Leben neu in die Hand zu nehmen! Wenn wir bereit sind, uns zu verändern, um den Anforderungen der neuen Zeit zu begegnen.

BILD 64 – 13. November 2017, 13 Uhr

#65: DIE HOFFNUNG STIRBT ZULETZT

Die Chancen auf weiße Weihnacht stehen nach aktuellen Prognosen denkbar schlecht. Schade eigentlich, denn Anfang Dezember waren die Hänge des Roten Berges schon mit einer zarten Schneeschicht bedeckt und auch die kühlen Temperaturen gaben Grund zur Hoffnung. Schnee an Weihnachten ist doch einfach stimmungsvoller. Aber warum ist Weihnachten in unseren Köpfen überhaupt mit Schnee verknüpft? Der größte Teil der christlichen Welt feiert grüne Weihnachten. Auch die Ur-Weihnacht in Bethlehem war sicher schneefrei. Schlussfolgerung: Weiße Weihnacht ist (meistens) nur ein Traum. Ich gebe die Hoffnung dennoch nicht auf und wünsche mir ein Hochdruckgebiet über Sibirien. Denn glaubt man den heimischen Meteorologen, gibt es die besten Aussichten für weiße Weihnachten, wenn bei den Rentieren im tiefen Osten die Sonne lacht. Man darf also gespannt sein.

BILD 65 – 13. Dezember 2017, 13 Uhr

#66: ECHTES GLÜCK IST MEHR ALS EIN WENIG FEEL GOOD

Es war einmal ein König im Land des Donnerdrachens, dem war das Glück seiner Untertanen mehr wert als der Reichtum seines Königreichs. Das ist nicht der Anfangssatz eines Märchens, sondern eine wahre Begebenheit in einem kleinen Land namens Bhutan, das, umgeben von den Großmächten China und Indien, hoch oben im Himalaja liegt. In Bhutan wird deswegen schon an den Schulen für das Bruttonationalglück gearbeitet. Der Ausdruck stammt von Jigme Singye Wangchuck, dem vierten König von Bhutan. Er stellte den Begriff dem Bruttoinlandsprodukt entgegen, um damit zu unterstreichen, dass für ihn die ausgewogene und nachhaltige Entwicklung seines Landes wichtig ist. In Bhutan sind Gesundheit und Bildung kostenlos, die Sozialpolitik und der Umweltschutz haben hohe Priorität. Echtes Glück ist eben mehr als ein wenig feel good. Es kann nur bestehen, wenn andere nicht leiden und es einen inneren Frieden gibt.

BILD 66 – 13. Jänner 2018, 13 Uhr

#67: WIEN IST EBEN ANDERS

Während halb Österreich im Schnee versinkt und unsere Olympioniken in fernen Pyeongchang mit einem schwerwiegenden Wetter-Problem zu kämpfen haben, ist es hierzulande trocken und beinahe windstill. Wien ist eben anders. Vor allem, was den Fasching anbelangt. Schrille Verkleidungen, bunte Umzüge und Krapfen essen – Fehlanzeige. Auch am Roten Berg ist weit und breit kein maskiertes Wesen, weder auf den Beinen noch im Anflug. Und so bleibt mir nichts anderes übrig als einsam und – von Pantalone, Harlekin und Zorro verlassen – auf das Ober-St.-Veiter Glockengeläut zu warten, um mein siebenundsechzigstes Projektbild einzufangen.

BILD 67 – 13. Februar 2018, 13 Uhr

#68: IM STILLEN GEDENKEN AN DAS UNFASSBARE

Wenn ich heute am Roten Berg meinen Blick in die Ferne schweifen lasse, erinnert mich die prachtvolle Otto-Wagner-Kirche und die umliegenden Steinhofgründe an den blanken Horror, der vor achtzig Jahren über Wien hereinbrach. In der Nervenheilanstalt für Kinder, zu der auch eine sogenannte Kinderfachabteilung gehörte, wurden kranke, behinderte und „nicht erziehbare“ Kinder und Jugendliche medizinischen Versuchen ausgesetzt und systematisch gequält. Mindestens 789 von ihnen wurden ermordet. Heute gilt der Name Am Spiegelgrund als Synonym für Verbrechen der NS-Medizin und für das größte, systematisch durchgeführte Verbrechen an Kindern und Jugendlichen der NS-Zeit in Österreich. Was sich zwischen 1940 und 1945 auf den Steinhofgründen ereignete, wurde zu einer Chiffre für den Umgang Österreichs mit seiner Geschichte, der fortgesetzten Abfolge des Verdrängens, Verleugnens und Verschlampens. Erst 2002 wurden 600 Urnen mit den sterblichen Überresten der Kinder in einem Ehrengrab der Stadt Wien bestattet, Grabanlage Gruppe 40, ein großer Stein mit der Inschrift „Niemals vergessen“ auf der Ruhestätte. Ich halte inne und blicke auf die menschenleere Sitzbank vor mir. „Never forget“ steht auch hier. Schwarz und deutlich.

BILD 68 – 13. März 2018, 13 Uhr

#69: EIN SOMMERTAG IM FRÜHLING

Eigentlich macht der April wettertechnisch ja immer, was er will. In diesen Tagen haben wir eher das Gefühl, der April macht das, was wir wollen. Temperaturen um die 20 Grad, strahlender Sonnenschein inklusive. Der Blick vom Roten Berg ist somit ungetrübt und das Azurblau des Himmels steht im harmonischen Verhältnis zum saftigen Grün der Wiesen. Süße, wohlbekannte Düfte wehen sehnsuchtsvoll über mich und in das weite Land hinein. Ich atme tief durch und genieße den Frühling, der sich heute schon nach ein wenig Sommer anfühlt.

BILD 69 – 13. April 2018, 13 Uhr

#70: JUNG UND ALT VEREINT

Heute Sonntag werden die Mütter verwöhnt. Während am Fuße des Roten Berges die Lokale und Wirtshäuser zum Bersten voll sind, herrscht in luftiger Höhe eine entspannte Atmosphäre: Familienausflug und Picknick sind angesagt. Und so kann ich an meinem 70. Projekttag ein nahezu perfektes Schönwetter-Muttertag-Szenario einfangen. Während sich eine Jungfamilie unweit der abgestellten Räder im hohen Gras mit Prosecco und Brötchen den Tag versüßt, streifen zwei rüstige Damen – dicht gefolgt vom Familienanhang – an meinem Beobachtungspunkt vorbei. Alles wirkt sehr friedlich und entspannt. Mehr als 100 Jahre nach seiner Etablierung herrscht auch am Roten Berg Konsens darüber, dass der Muttertag das adäquate Mittel ist, „Danke“ zu sagen. Und da schließe ich mich gerne an!

BILD 70 – 13. Mai 2018, 13 Uhr

#71: GEGEN JEDEN ZWEIFEL

Wenn es im Sommer außergewöhnlich heiß ist, ist das nicht gleich der Klimawandel. Aber das globale Klima wirkt sich auf Extremwetter-Ereignisse aus. Dabei geht es um Außergewöhnliches, wie sintflutartige Regenfälle, schwere Gewitter, Dürren oder Wirbelstürme – und all das ist schon definitionsgemäß selten. Fakt ist: Die globale Erwärmung ist größtenteils menschengemacht, der Klimawandel real. Dass sich der Wandel auf Hitzewellen auswirkt beispielsweise, können kluge Köpfe inzwischen verlässlich sagen. Und das lässt sich auch durch meine Langzeitstudie belegen. Es gibt Dinge, über die kann gestritten werden. Über die Frage, ob sich das Klima der Erde derzeit wandelt, allerdings nicht. Und der Rote Berg macht da keine Ausnahme.

BILD 71 – 13. Juni 2018, 13 Uhr