WIEN.13 – 7. Staffel

13. Juli 2018 – 13. Juli 2019

#72: DURCHS TIEFE BLAU WIE SCHÖNE STILLE TRÄUME

Ich ruhe still im hohen grünen Gras
Und sende lange meinen Blick nach oben,
Von Grillen rings umschwirrt ohne Unterlass,
Von Himmelsbläue wundersam umwoben.
Und schöne weiße Wolken ziehn dahin
Durchs tiefe Blau wie schöne stille Träume.
Mir ist, als ob ich inmitten von Vögeln bin,
und ziehe selig mit durch ewige Räume.

BILD 72 – 13. Juli 2018, 13 Uhr

MISSING

KEIN BILD  – 13. August 2018, 13 Uhr

#73: KRÄNE UNTER BLAUEM HIMMEL

Nichts ist vorhersehbar. Vor allem nicht, für einen Fotografen, dem Unvorhersehbarkeit so sehr am Herzen liegen. Auch der Beginn der 7. Staffel des Projekts WIEN.13 zeigt einmal mehr, dass man ein Ereignis nicht beeinflussen, es nicht ohne Weiteres inszenieren kann. Der Zufall spielt Regie, also etwas, was man nicht voraussehen kann, was unerwartet passiert. In diesem Fall – so dokumentiert das Bild – schraubt sich im Hintergrund ein schwarzer Baukran in die Höhe, just in dem Moment, als ich meine Position eingenommen habe. Etwas passiert da unten, man kann den Lärm bis in luftige Höhen hören. Ein verstörend anmutendes Szenario, das ich nicht gleich einordnen kann und mich ein wenig fassungslos am Roten Berg zurücklässt.

BILD 73 – 13. September 2018, 13 Uhr

#74: ALLES IST EINMALIG. ALLES IST GUT

Es tut sich wieder was. Am Roten Berg herrscht heute, an diesem superwarmen Oktobertag reges Treiben. Sowohl vor als auch hinter meiner Linse begegnen sich Menschen beim Flanieren, Kinder sind am Spielen und Eltern scheinbar glücklich. Ich nehme Unzusammenhängendes wahr und stelle Zusammenhänge der sichtbaren und unsichtbaren Welt her. Meine Eindrücke fügen sich zu einer Collage, ergeben keine Geschichte, sondern ein Gewebe aus Episoden. Das Tempo, die Blicke, die vielen kleinen Signale vermitteln mir das Gefühl: Die Menschen sind entspannt. Ich drücke auf den Auslöser. Dieser Anblick kommt niemals wieder. Alles ist einmalig. Alles ist gut.

BILD 74 – 13. Oktober 2018, 13 Uhr

#75: EINFACH MAL WIEDER KIND SEIN

Manchmal wünsche ich mir, noch einmal Kind zu sein. Nur für ein paar Tage, ein paar Stunden. Noch einmal erleben, wie das ist, wenn ich den ganzen Tag herumlaufe, ohne wirklich müde zu werden. Einfach mal wieder das Gefühl von Unbeschwertheit haben und mit einer selbstverständlichen Leichtigkeit das Leben erleben. Ich würde auf Bäumen herumklettern, mir die Knie aufschlagen und ein uneinnehmbares „Lager“ im Wald bauen. Oder mit meinen Freunden den Roten Berg erklimmen und den großartigen Ausblick auf die Stadt genießen. So wie heute, am 13. November 2018. Punkt 13 Uhr. Einfach mal wieder Kind sein! Sorglos und unbeschwert. Ja, das wäre wunderbar.

BILD 75 – 13. November 2018, 13 Uhr

#76: STILLE NACHT, EINSAME NACHT

Der Mensch sucht Kontakt, Nähe, Berührung, er sehnt sich danach, aufgefangen, gehalten und umarmt zu werden. Gerade zu Weihnachten hat die kollektive Sehnsucht nach Liebe, Angenommen-Sein, Friede und Gemeinschaft Hochkonjunktur. Und doch gibt es immer mehr Menschen, die Weihnachten abseits von Kleinfamilienglück und wohliger Wärme verbringen müssen. Für Obdachlose, Asylwerber, Suchtkranke und vereinsamte Menschen ist die opulent illuminierte Weihnachtszeit die dunkelste Zeit im Jahr. Einziger Lichtblick dieser Menschen ist die selbstlose Arbeit von karitativen und kirchlichen Vereinen und Organisationen, die Jahr für Jahr zahlreiche Weihnachtsfeiern auf die Beine stellen und diesen Menschen somit eines zurückgeben: Hoffnung. Und so gedenke ich heute am 13. Dezember 2018 an Ute Bock. Ohne ihr unermüdliches Engagement für die Ärmsten und Schwächsten in unserer Gesellschaft wäre Weihnachten für viele Menschen heute nicht denkbar.

BILD 76 – 13. Dezember 2018, 13 Uhr

#77: ALLES IST GUT

Es ist eigentlich alles wie immer. Und doch bleibt kein Stein auf dem anderen. Wie kann das sein? Was ist passiert? Was hat das neue Jahr gebracht? Nur so viel sei verraten. Das Projekt WIEN.13 wird weitergeführt. Auch in Zukunft werde ich an jedem 13. um Punkt dreizehn Uhr mein Glück versuchen, ein besonderes Bild von den Höhen des Roten Berges einzufangen. Nur der Weg dorthin wird sich ändern. Der Aufstieg wird nicht mehr über die Westflanke erfolgen, sondern über die beschauliche Südost-Seite. Heute erfolgte der Testlauf. Das Ergebnis kann sich durchaus sehen lassen. Es ist eigentlich alles wie immer. Und doch mischt sich eine Brise Wehmut in meine Gedanken. Alles ist gut.

BILD 77 – 13. Jänner 2019, 13 Uhr

#78: KEIN TAG GLEICHT DEM ANDEREN

Und wieder heißt es, den Moment des Auslösens herbeisehnen. Die Minuten bewusst erleben, warten auf den fotografischen Showdown. Wie ein Kind freue ich mich darauf, welches Bild ich am heutigen Mittwoch um 13 Uhr am Roten Berg einfangen werde. Und siehe da. Wie aus dem Nichts taucht plötzlich ein Mann mit seinem Hund vor meinem Stativ auf, grüßt freundlich und lässt den Blick über das atemberaubende Stadtpanorama schweifen. Er scheint den Augenblick zu genießen, wo einem bewusst wird, dass kein Tag dem anderen gleicht. Ich verbinde seine imaginierten Gedanken mit meinen und füge still hinzu: Jeder einzelne Tag trägt die Ewigkeit in sich.

BILD 78 – 13. Februar 2019, 13 Uhr

#79: AUF UND DAVON

„Der Sonne entgegen, frei wie der Wind, grenzenlos leben, wo wir auch sind.“ Diese Zeilen begleiten mich heute auf dem Weg zum „Checkpoint Charly“, dem imaginären Grenzübergang zwischen meinem alten und neuen Zuhause in Wien, dreizehn. Obwohl ich schon seit mehreren Monaten den Roten Berg nicht mehr von Ober St. Veit aus erklimme, überkommt mich an diesem 13. eine Brise Sehnsucht nach der alten Heimat. Elf Jahre sind halt doch eine lange Zeit. Zu Hause ist, wo man Wurzeln schlägt, sich wohlfühlt, den Alltag (er)lebt. Alles ist so nah. Die Kirche, die vertraute Umgebung. Das Grätzl, das sich „Dorf in der Stadt“ nennt. „Grenzenlos leben“, ja das hat schon etwas. Als Exil-Kärntner weiß ich das durchaus zu schätzen. Wie auch die Melodie aus jener Aussteigerserie, die mich heute zu beschäftigen scheint. „Der Sonne entgegen, weit fort von hier, auf neuen Wegen, leben wie wir.“

BILD 79 – 13. März 2019, 13 Uhr

#80: ES GRÜNT SO GRÜN

Alljährlich kommt ein Zeitpunkt, in der die Vegetation förmlich explodiert und man mit dem Schauen nicht mehr nachkommt. Der ersehnte Regen in den letzten Tagen hat diese Zeit nun eingeleitet. Während im Tal die Magnolienbäume und Forsythien bereits seit Tagen in Vollblüte stehen, hat der Frühling auch in luftigeren Höhen deutlich an Fahrt aufgenommen. Die Impression dessen, was ich mit all meinen Sinnen wahrnehme und aufsauge, trägt dazu bei, dass ich mich frei und glücklich fühle. Die Atmosphäre ist friedlich. Es ist, als wäre die Zeit stehen geblieben. Dann erinnert mich das ferne Glockengeläute, dass ich einen Auftrag habe. Mein 80. Projektbild ist im Kasten. Mission erfüllt. Ich werde wohl noch eine Weilchen bleiben.

BILD 80 – 13. April 2019, 13 Uhr

#81: PARS PRO TOTO

Bereits zum 81. Mal führt mich mein ambitioniertes Langzeitprojekt auf den Roten Berg. Man könnte meinen, es hat sich eine Art Routine eingestellt, ein Ritual, das bereits in Fleisch und Blut übergegangen ist und wenig Freiraum für Spontanität und Kreativität lässt. Schließlich ist ja alles exakt getimt und die Location und das Motiv fix vorgegeben. Aber gerade das macht den Reiz dieser Fotostudie aus. Alles reduziert sich auf dieses kleine, unberechenbare Zeitfenster, diesen Bruchteil einer Sekunde, an dem die Geschichten dieses Projekts, Monat für Monat auf einem einzigen Bild fotografisch festgehalten werden. Eine weitere kleine Geschichte als Teil der ganzen Erzählung ist heute hinzugekommen. Und ich denke, dass noch viele weitere folgen werden.

BILD 81 – 13. Mai 2019, 13 Uhr

#82: WIEN 2050. 20 NACH ZWÖLF

Laut einer aktuellen Studie der EHT Zürich müssen Europas Metropolen mit einer starken Erwärmung rechnen und sich teilweise auf völlig neue Klimaverhältnisse einstellen. Für London sind etwa Verhältnisse wie heute in Barcelona zu erwarten. Die Temperaturen in Paris würden mit denen von Canberra in Australien vergleichbar. Wien würde, glaubt man den Forscher*innen, gar zu den am stärksten betroffenen Städten zählen. Das Wissenschaftler*innen-Team geht von einer Erhöhung der durchschnittlichen Jahrestemperatur um 2,3 Grad aus. Wien läge aber mit einem Anstieg, der im heißesten Monat des Jahres registrierten Höchsttemperatur von plus 7,6 Grad in Europa im Spitzenfeld und könnte bis 2050 ähnlich der nordmazedonischen Stadt Skopje werden – zumindest was das Klima betrifft. Heute um 13 Uhr beträgt die Temperatur  35,7 Grad. Es ist der neunte Tropentag in Folge. Es geht um mehr als Wetter. Unser Klima steht auf dem Spiel. Wien 2050. 20 nach 12. Gar nicht gut.

BILD 82 – 13. Juni 2019, 13 Uhr

#83: DER ROTE BERG UND DER MOND

Auf dem Weg zum Roten Berg mache ich mir Gedanken um die Mondlandung, die heute vor 50 Jahren mehr oder weniger „inszeniert“ über die Bühne ging. Die Macht dieser Bilder ist tief in unserem kollektiven Bewusstsein verankert. Vor allem ein Bild hat es mir angetan. Es stammt von der 1968er-Apollo 8-Mission und zeigt die blau-weiß leuchtende Erdkugel im nachtschwarzen All über der grauen, mit Kratern übersäten Oberfläche des Mondes. Das Besondere am „Earthrise“-Foto liegt darin, dass es nicht nur von Menschen aufgenommen wurde, sondern dass die Astronauten von dem Zeitpunkt dieser Aufnahme per Funk der Erde davon erzählt haben: Was für ein herausragend schöner Augenblick, was für ein Moment das ist, hinter dem Mondhorizont vorzukommen und die Erde auf einmal wiederzusehen. Das war der entscheidende Moment, der dieses Bild so einzigartig gemacht hat. Zum ersten Mal sieht die Menschheit ihren Planeten an einem fremden Horizont aufgehen: blau und strahlend – und zerbrechlich im unendlichen Schwarz des Weltalls. Dieses Foto ist eine deutliche Mahnung: Diese kleine Erde ist alles, was wir haben. Auch mein heutiges Bild von verbrannter Erde und Trockenheit am Gipfel des Roten Berges ist ein Indiz für den voranschreitenden Klimawandel. Der bevorstehende Regen ist da nur ein schwacher Trost.

BILD 83 – 13. Juli 2019, 13 Uhr